Sollipulli - Meine erste Vulkanbesteigung
Als ich meine Reise nach Chile bzw. Pucón plante, geschah dies besonders im Fokus der SCAR Open Science Conference 2024. Welche Möglichkeiten es in dieser Region gibt, war mir bis dato gar nicht bewusst. Doch ich fand schnell heraus, dass es ein reichhaltiges Repertoire an verschiedensten Aktivitäten gab. Schnell war ich davon begeistert und ließ mich bei Baum Adventures zu den Touren beraten. Sehr schnell schoss ich mich auf meine erste Vulkanbesteigung, die Begehung des Sollipullis.
Da ich mich mit den Bedingungen auf dem Berg zu Fuß nicht auskannte, folgte ich weitestgehend den Anweisungen auf der Website. Ich packte acht geschmierte Brötchen, einige Würstchen und Nüsse ein. Dazu kamen rund 2,5 Liter Getränke, sowohl Wasser als auch Trinkpäckchen mit Fruchtsaft. Im Büro von Baum Adventures hatte mir die nette Dame an der Theke die bestätigt, dass der Aufstieg für Anfänger zu machen ist und ich meinen Fotorucksack verwenden kann. Den Airport Accelerator hatte ich bereits in Tasmanien ausgiebig getestet. Einziger Nachteil: ein recht hohes Grundgewicht (rund 3 kg). An Fotoausrüstung nahm ich das Nikon Z 14-30 mm f/4, das Nikon Z 24-70 mm f/2,8 und das Nikon Z 100-400 mm f/4,5-5,6 mit. Die Z8 sei an dieser Stelle nicht vergessen, genauso wenig wie die DJI OSMO Action 4 für die Videos. Mit dieser bereits recht hohen Ladung machte ich mich dann am darauffolgenden Tag morgens um sechs auf zur Agentur.
Chile hat einiges an Eigenheiten, die für den einen oder anderen zu Beginn vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig sind. Zum einen sind das freilaufende Hunde. Ob nun in Santiago de Chile, in San Pedro de Atacama oder in Punta Arenas. Überall finden sich herrschenlose Streuner. Selbst morgens um sechs in Pucón, wo kein Mensch auf der Straße ist, trifft man die Kläffer unterschiedlichster Rasse und Größe. Sie sind keineswegs aggressiv oder bedrohlich. Sie werden oft von den Anwohnern und Ladenbesitzern gefüttert. Man braucht daher keine Angst zu haben.
Der zweite Punkt ist Pünktlichkeit. Ähnlich wie ich das bereits in Peru, Spanien oder auch Südafrika erlebt habe, sind viele Termine eher eine grobe Angabe. Man kann auch gut und gern eine halbe Stunde bis eine Stunde länger warten. Das ist in der Regel für mich kein größeres Problem, da ich allen einen gewissen Puffer einräume und auch um die Mentalität der Südamerikaner weiß.
Als wir dann schließlich in das Büro gelassen wurden, um das nötige Equipment mitzunehmen und uns umzuziehen, offenbarte sich eine kleine Hürde. Neben Wanderschuhen, einer großen Jacke und Überzügen, die ich am Tag zuvor bereits anprobiert hatte, kam eine ganze Menge an Ausrüstung dazu. Eine Plastikschale als Schlitten, eine Eisaxt, Wanderstöcker, Garmaschen, Helm und Steigeisen. Meinen Rucksack hatte ich bereits durch Verpflegung und Kamerequipment außerordentlich gut gefüllt. Ich bekam das Meiste in den Rucksack, musste aber ordentlich quetschen. Nur die Eisaxt wurde mir später von unserem Guide abgenommen. Wenn ich schätzen müsste, hatte mein Rucksack damit bereits ein Gewicht von über 10 kg. Ich vermute, dass ich ungefähr bei 12 kg bis 13 kg Gesamtgewicht lag. In Nachhinein eine sehr mutige Entscheidung für meine erste Vulkanwandertour.
Zusammen mit unserem Tourguide und zwei abenteuerlustigen Touristen machten wir uns auf den Weg Richtung Sollipulli. An diesem schönen Wintertag gerade früh am Morgen war es noch recht kalt. Und das Auto hatte keine Klimaanlage. Ich fror bereits auf der Hinfahrt wie ein Schneider. Selbst als es langsam heller wurde, sank die Temperatur mit den zurückgelegten Höhenmetern weiter ab. Etwa 2,5 h fühlte ich mich wie ein eisgekühltes Erfrischungsetränk. Durch das spärliche Frühstück und die fehlende Bewegung konnte ich mich kaum der kriechenden Kälte erwehren. Doch ich konnte mich während der Fahrt ablenken. Zum einen unterhielt ich mich mit den Insassen. Zum anderen machte ich mich über den Fahrstil meines Guides lustig. Denn sie Art zu schalten hatte ich in der Tat noch nie gesehen. Der erste Gang wurde bis 30 ausgefahren, den dritten legte unser Fahrer bei 50 ein und den vierten ab 80. Wohlgemerkt ohne wirklich starke Steigung. Dadurch röhrte der Motor wie verrückt auf und der Drehzahlmesser neigte sich dem Ende der Skale. Ich war selber schon in anspruchsvollem Gelände gefahren und wartete daher immer sehnlichst darauf, dass unser Guide endlich hochschaltete. Zudem schien unser Reiseführer ebenfalls nicht zu merken, dass er ständig das Fernlicht an hatte und immer wieder Lichtsignale von entgegenkommenden Fahrzeugen bekam, um abzublenden.
Als wir ankamen, griffen wir unsere Ausrüstung und zogen die Schuhe um. Wir starteten unsere Wandertour in einem Waldgebiet, in dem noch Restschnee lag. Die Flora war besonders von Chile-Bambus, Coihue und Araucarien geprägt. Zuweilen erinnerte es mich an einen russischen Märchenwald, selbst wenn in Eurasien ganz andere Arten vorkamen. Desto weiter wir kamen, desto auffälliger wurden die Flechten an den Bäumen. Sie hingen in lange Vorhängen von Ästen und bedeckten die Stämme wie einen Mantel. Dabei handelt es sich um die Usnea barbata. Sie wird in Chile auch als Bart alter Männer bezeichnet. Ihre Farbe und Form verstärken den Eindruck einer schönen gleichmäßigen, aber auch mystischen Landschaft mit enormem Alter.
Araucarien wachsen nur wenige Zentimeter pro Jahr und wir sahen Bäume mit 30 bis 50 Metern Höhe. Sie sind an das Klima stark angepasst und wachsen erst ab über 600 Metern Höhe. Ihr Samen sind unterdies essbar. Bezüglich des Wachstums sind aber auch Flechten interessant. Denn auch diese wachsen nur sehr langsam. Meist sind es Millimeter oder weniger Zentimeter im Jahr.
Auf einer Lichtung trafen wir auf eine Menge weiterer Wanderer, die wohl alle auf dem Weg zur Caldera des Sollipulli waren. Von einer Schneerampe aus ging es dann kontinuierlich bergauf. Bei jeder Pause zückte ich die Kamera. Ob wir was aßen oder tranken oder bei den steileren Anstiegen die Krampen unter die Schuhe zogen, ich nutze jede Gelegenheit für Fotos. Und natürlich wechselte ich regelmäßig die Akkus der DJI aus, damit mir nicht mitten drin der Saft ausging. Die Aufstiege wurden immer steiler und teilten sich in Stufen auf, die wir teils mit Wanderstöcken und Eisaxt in Serpentine erklommen. Mehrmals sah es so aus, als hätten wir den Gipfel längst erreicht, da zeigte sich mit abflachender Krümmung die nächste Rampe. Indes merkte ich das Gewicht auf meinen Schultern. Während der Rest sehr leichte Rucksäcke und nur das Wanderequipment plus Verpflegung dabei hatte, puckelte ich meine Fotoausrüstung unaufhaltsam den Berg hoch.
Trotz der Anstrengung hatte sich jeder Meter des Aufstiegs gelohnt. Der Blick auf die endlosen Araukarienwälder, die Gebirgszüge der Anden oder die Sicht auf andere Vulkane ist einfach spektakulär. Besonders bei diesem guten Wetter konnten wir weit über die Landschaft hinweg blicken. Eine der schönsten Aussichten, die ich jemals genießen durfte. Nach rund vier Stunden Aufstieg war ich sehr froh auf 2282 Meter Höhe anzukommen. Ein eisiger Wind fegte über die Caldera hinweg. Doch der Blick in den Krater, mit seinen vier Kilometern Durchmesser, gefüllt von einem hunderte Meter dicken Gletscher, ließ einen für wenige Momente alles vergessen.
Vor rund 2900 Jahren, also etwa um 920 v. Chr., explodierte der Vulkan in der Alpehué-Eruption. Dabei wurde die Spitze abgesprengt und der Vulkan verlor mehrere hundert Meter an Höhe. Die Explosion schleuderte riesige Gesteinsbrocken heraus, die heute noch in der Umgebung, teils bis Temuco zu finden sind. Eine über 40 km hohe Rauchsäule stieg damals aus dem Schlot des Berges empor.
Der Rest dieser Eruption ist heute als Alpehué-Krater auf der Spitze des Sollipulli zu bewundern. Eine atemberaubende Landschaft, geboren aus einer dramatischen Entstehungsphase.
Runterwärts ging es dann weniger zu Fuß, als viel mehr mit der anfangs erwähnten Plastikscheibe. Wir warfen uns in Schale mit Überhosen, dicker Jacke und bewaffnet mit einer Eisaxt, den Schlitten zwischen den Beinen. Und dann ging es auf dem Hintern wieder bergab. Dabei sollte man jedoch zwei Dinge beachten. Durch das Gewicht und die Größe meines Rucksackes war ich kaum in der Lage, mich weit nach vorne zu beugen. Dadurch lag mein Rucksack am Rücken auf und bremste die Fahrt. Ich konnte nicht so viel Geschwindigkeit aufbauen wie meine Kameraden. Auf der anderen Seite bekam ich durch einen Hang etwas zu viel Geschwindigkeit, hob durch eine Bodenwelle leicht ab und landete auf dem Steiß. Ich spürte die Stauchung noch mehrere Tage nach der Wanderung, was mich sowohl bei der Villarrica-Tour als auch beim Sitzen eine Weile einschränkte.
Fazit: Ich kann diese Tour nur empfehlen. Sie ist zwar sehr anstrengend (besonders mit viel Gewicht), aber bietet ohne jeden Zweifel Ausblicke, die man nicht mehr vergisst, und einen Eindruck der geologischen Geschichte der Region. Wer Fan von Schneelandschaften, Bergen und Natur ist, für den ist die Tour ein absolutes Muss.